Artikel im Moments-Magazin: Vater, Mutter, Hund

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Artikel im Moments-Magazin: Vater, Mutter, Hund

In der Februar 2016-Ausgabe des Moments-Magazins habe ich ein Interview zum Thema “Haustiere als Kinderersatz” gegeben. 

Es folgt der abgetippte Artikel sowie Bilder im Anschluss:

ARTGERECHTE HALTUNG. Jeder Mensch hat ein angeborenes Fürsorgebedürfnis.
Haustiere erlauben uns, dieses Verhalten auszuleben. Aber Vorsicht:
Das kann relativ leicht in eine übertriebene Tierliebe umschlagen.

Eigene Dienstmädchen, ein Facebook-Account und beim Abendessen wird sie mit an den Tisch gesetzt: Die Rede ist von Karl Lagerfelds weißhaariger Birma-Katze Choupette. Manchen Haustieren soll es heutzutage an nichts mehr fehlen; sie werden regelrecht vermenschlicht. So dürfen viele Vierbeiner im Bett schlafen und bekommen sogar täglich ein fabelhaftes Gourmetmenü serviert. Das Problem: Dabei wird ihr Charakter verleugnet, ihre Bedürfnisse werden unter den Teppich gekehrt. Michaela Marschall, Hundetrainerin aus Wien, weiß: „Wird das Tier ineine solche Rolle gezwungen, sind negativer Stress, im schlimmsten Fall auch körperliche Beschwerden für das Tier vorprogrammiert.“ Trotz dieser Nachteile für das Tier wollen viele Menschen nicht auf das Verhätscheln ihrer Vierbeiner verzichten. Die Grazer Individualpsychologin Erika Pongratz sagt: „Ein Grund hierfür kann darin liegen, dass für den Besitzer nicht die Bedürfnisse des Tieres im Vordergrund stehen, sondern dass eigene menschliche Bedürfnisse auf das Tier projiziert werden.“ Für die Halter ist dieses Verhalten meist deutlich positiver als für das Tier. Marschall verdeutlicht den Nutzen für den Haustierhalter: „Haustiere können dem Leben alleinstehender Menschen Sinn geben.“ Bevor man sich ein Tier anschafft, sollte jedoch geklärt werden, welche Verpflichtungen eingegangen werden müssen.

„Wenn es keinen Partner (mehr) gibt, tendiert der Mensch dazu, sich ‚Ersatzobjekte‘ zu suchen, um seine sozialen Bedürfnisse nach Nähe, Zugehörigkeit und Geborgenheit zu erfüllen. Da Haustiere Bindungsverhalten zeigen, sind sie ideale Interaktionspartner und schützen vor Vereinsamung.“ Erika Pongratz, Individualpsychologin in Graz

Tierliebe. Die Beziehung zu den Haustieren hat sich verändert. Früher wurden Hunde und Katzen primär als Nutztiere gehalten – z. B. um das Haus zu beschützen oder um Mäuse zu fangen. Heute sind die Gründe vielfältiger und spezieller: Ein Tier kann beispielsweise als Kinderersatz dienen. Psychologin Pongratz: „Die mit Kindern verbundene Verantwortung, Mühe und Verzichtsleistung überfordert manche Paare, besonders wenn Karriere einen hohen Stellenwert hat und längere Ausbildungszeiten den Kinderwunsch hintanhalten.“ Tiere werden dagegen schnell erwachsen und sind von Anfang an selbstständiger als Kinder, sie schlafen meistens durch, brüllen nicht und können auch mal alleine zu Hause bleiben. Zudem kann der Wunsch nach Nähe durch ein Haustier abgedeckt werden.

Partnerersatz. Häufig werden die Vierbeiner auch als Partnerersatz gesehen. Alle psychisch gesunden Menschen haben ein angeborenes Bedürfnis nach Bindung. Fehlt ein Lebensgefährte, so können uns Haustiere Nähe geben. Doris Jeloucan, Psychologin mit Spezialisierung auf Paartherapie und Beziehungscoaching in Graz merkt an: „Tiere begrüßen uns schwanzwedelnd oder kommen zu uns kuscheln, wenn es uns nicht gut geht. Von Partnern werden wir selten so liebevoll begrüßt und oft fehlt auch die Aufmerksamkeit, dass sie merken, wenn es uns schlecht geht.“ Auch wenn Tiere nicht auf dieselbe Art und Weise für einen da sein können, so erfüllen sie zumindest die Erwartungen, die man an sie stellt. Kommt ein neuer Lebenspartner ins Haus, können Tiere eifersüchtig reagieren. Es ist aber auch denkbar, dass sich Menschen durch die Präsenz eines Tieres zurückgestellt fühlen. „Bekommen Haustiere besonders viel Zuwendung, kann es passieren, dass sich ein anderes Familienmitglied benachteiligt fühlt und mit Eifersucht reagiert“, so Pongratz. Lehnt der Lebensgefährte den Vierbeiner generell ab – oder auch umgekehrt, wenn das Tier den Partner als Bedrohung erlebt und nicht bereit ist, ein neues Familienmitglied zu akzeptieren –, wird es beim Zusammenleben schwierig, weiß Pongratz.

Einsamkeit. Wenn ein Paar keine Kinder bekommen kann, die Kinder bereits aus dem Haus sind oder eine Person alleinstehend ist, können Haustiere eine wichtige Rolle einnehmen. Pongratz erklärt: „Haustiere können vor Einsamkeit und Depressionen schützen, indem sie als Interaktionspartner zur Verfügung stehen. Und je nach Haustierart verlangen sie vom Besitzer einen gewissen Grad an Aktivität – z. B. Gassi gehen.“ Doch auch wenn Haustiere das Leben bereichern, sollte man niemals ihre tierischen Bedürfnisse außer Acht lassen und ihnen kein Leben aufzwingen, für das sie nicht geboren sind.

Wenn ein Paar keine Kinder bekommen kann, können Haustiere eine bedeutende Rolle einnehmen.

Interview

Doris Jeloucan, Psychologin mit Spezialisierung auf Paartherapie und Singlecoaching aus Graz, www.jeloucan.at

Es gibt in der heutigen Zeit immer mehr Paare, die sich lieber Haustiere besorgen, als Kinder zu bekommen. Welche Gründe kann es dafür geben? Zum einen haben sich die Rahmenbedingungen geändert. Heutzutage ist es kaum mehr möglich, eine Familie mit einem Gehalt zu versorgen und viele sind unfreiwillig kinderlos aufgrund von Unfruchtbarkeit. Der wohl häufigste Grund, den ich in meiner Praxis höre, ist das mangelnde Vertrauen in die Stabilität der Partnerschaft. Wir sind uns heute bewusst über die Folgen von Trennungen auf Kinderseelen und wollen nicht das Risiko einer missglückten Elternschaft tragen.

Wie und wieso werden die Vierbeiner vermenschlicht? Wir identifizieren uns oft mit unseren Haustieren. Dafür braucht man sich auch oft nur die äußerlichen Ähnlichkeiten von Tierhalter und Tier ansehen oder beobachten, wie man mit ihnen spricht – z. B. „Haben wir Hunger?“. Wenn die Differenzierungsfähigkeit fehlt, schließen Menschen von sich auf andere und damit auch auf Tiere. Wir ziehen ihnen z. B. ein Wintermäntelchen an, weil uns kalt ist. Dieser Schluss von sich selbst auch auf andere ist übrigens oft ein Grund, warum Partnerschaften in die Brüche gehen.

Können zu sehr umsorgte Haustiere zum Beziehungskiller werden? Partner evaluieren häufig: An welcher Stelle stehe ich bei dir im Vergleich zum Haustier, Karriere, Kinder, Familie etc.? Wenn mein Partner ständig das Gefühl hat, nachrangig zu sein, dann kann sich das negativ auf die Beziehungszufriedenheit auswirken.

Sind Haustiere ein Hindernis bei der Partnerwahl? Manche bindungsängstlichen Menschen bekommen ihr Grundbedürfnis nach Nähe von ihrem Haustier gestillt. Sie wollen keine Verletzungen in Kauf nehmen und gleichzeitig ihr Nähebedürfnis gestillt bekommen. Das erfüllt das Haustier. Auf eine aktive Partnersuche wird dann häufig (unbewusst) verzichtet. Tierhaarallergien und/oder Tierphobien sind, ähnlich wie das Rauchen, auch oft ein Ausschlussgrund.

© Moments-Magazin, Nina Ofenauer

Wann wurde der Artikel veröffentlicht?

In der Februar 2016-Ausgabe des Moments-Magazins.

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